Der bronzezeitliche Einbaum aus der Eschbachbucht vor Wasserburg im Bodensee - Bayerns ältestes Wasserfahrzeug

Im Jahre 2015 meldete Christoph Schmid einen Einbaumfund im Bodensee vor Wasserburg. Christian Schaber (Wasserwacht Lindau) erstellte daraufhin erstes Film- und Fotomaterial. Im Herbst 2015 wurde das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) informiert, das wiederum die BGfU mit der Dokumentation des Unterwasserfundes beauftragte. Im November 2016 führten Tobias Pflederer, Robert Angermayr und Detlef Peukert die Untersuchungen durch. Finanzielle Unterstützung erhielten die BGfU-Taucher vom Referat „Ehrenamt in der Bodendenkmalpflege“ des BLfD.

Trotz widriger Witterungsumstände mit Starkwind und hohem Wellengang gelang am ersten Arbeitstag die Wiederentdeckung des Wasserfahrzeuges in ca. 170 m Entfernung zum Ufer. Der Fundort liegt in der Nähe der Eschbachmündung in ca. 3 bis 4 m Wassertiefe. Zwei radiäre, mit einem Holzbohrerentnommene Proben konnte Franz Herzig, Dendrochronologe des BLfD, noch am selben Tag untersuchen. Ihm gelang die Rekonstruktion einer 97-jährigen Eichenserie, die jedoch zunächst keine eindeutige Datierung zuließ.

Nach der Holzbeprobung erfolgte die Freilegung des Innenkörpers, der nur noch von einer dünnen und rezenten Schlickschicht bedeckt war. Die anschließende Dokumentation erfolgte auf Basis einer Fotodokumentation mit anschließender 3D-Rekonstruktion und Berechnung eines maßstabsgetreuen Fotomosaiks. Das Holz ist im mutmaßlichen Bugbereich ausgebrochen und weist eine Restlänge von 6,80 m bei einer maximalen Breite von 1,05 m auf. Es liegt in südwestlicher Ausrichtung zum heutigen Uferverlauf. Aufgrund fehlender Sedimente unter dem scharfkantig ausgebrochenen Bugbereich sowie der fast gänzlich fehlenden Sedimentbedeckung erscheint eine Verlagerung bzw. Anschwemmung an den jetzigen Standort möglich. Die aus dem relativ flachen Boden aufgehende Wandung ist nur noch angedeutet erhalten. Im weitgehend gut konservierten, mutmaßlichen Heckbereich zeigt sich der Rest einer rechteckigen, vertikal verlaufenden Aussparung („Nase“). Die Frage, ob diese ursprünglich zum Vertäuen oder Festmachen an Land gedient hatte, kann nicht eindeutig beantwortet werden. Ein weiteres besonderes Merkmal stellt eine kleine, ca. 7 x 5 cm große Aussparung in Richtung Heck dar, die das Holz an dieser Stelle komplett durchdringt. Auch ihre Funktion muss zunächst ungeklärt bleiben. Von anderen Einbäumen sind kleinkalibrige „Probebohrungen“ bekannt, durch die die Dicke des Einbaumkörpers bei der Fertigung kontrolliert wurde. Denkbar ist auch ein Aussparungselement zum Einbringen von kleineren Einbauten.

Eine besondere Überraschung bot dann die radiometrische Analyse einige Wochen nach der unterwasserarchäologischen Dokumentation. Sie datierte den in die späte Bronzezeit. Durch die Entnahme einer weiteren Holzprobe im Jahr 2017 gelang Franz Herzig vom Dendrochronologischen Labor des BLfD dann eine Datierung in das Jahr 1149 v. Chr. (bei fehlender Waldkante ist von einem Fälldatum des verwendeten Baumes ca. im Jahr 1130 v. Chr. auszugehen).

Damit stellt der Einbaum das bislang "älteste Boot" Bayerns und den einzig echten Einbaumfund des Bodensees dar (abgesehen von zwei "Spielzeug"-Einbäumen aus Sipplingen und Arbon sowie der Bericht eines weiteren Einbaumfundes aus den 1930er Jahren bei Konstanz-Wollmartingen).

Aufgrund der historischen Bedeutung des Einbaumes entschlossen sich das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege sowie die Archäologische Staatssammlung München zur Bergung und Konservierung des Wasserfahrzeuges. Mit der Bergung wurden erneut die Mitarbeiter der BGfU beauftragt, die diese im April 2018 in vier Tagen durchführten. Tatkräftige Unterstützung erhielten die Taucher der BGfU erneut von der Wasserwacht Lindau sowie vom Wasserwirtschaftsamt Kempten.

In zweieinhalb Tagen wurde der Einbaum mit Unterwassersaugern (sog. "dredges") zunächst vom am Boden anhaftenden Sediment befreit (bis auf glaziale Sedimente und eine Reduktionsschicht aus verbackenem Kies zeigten sich keine Hinweise auf Kulturschichten unter dem Einbaum). In einem nächsten Arbeitsschritt wurden mehrere Gurte mit Polsterung unter den Einbaum geführt und an einem eigens von der Archäologischen Staatssammlung angefertigten Bergerahmen installiert. Durch vorsichtigen Zug an den untergelegten Gurten konnte der Einbaum schrittweise an die Oberkante des Rahmens gezogen werden. Nachdem der Einbaum frei schwamm, wurde der Bergerahmen samt Wasserfahrzeug durch ein Kranboot gehoben und im Hafen von Zech auf einen Tieflader verladen. Nach über 3100 Jahren trat der Einbaum von Wasserburg seine letzte Reise an. Die Konservierung wird nun mindestens zwei bis drei Jahre in Anspruch nehmen.
 
 
Tobias Pflederer, Robert Angermayr